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Der grundlos Kranke

Mittwoch, 29. Juli 2009 21:42

Ich bin als Arzt umgeben von Kranken, ich meine Ganzkranken, Halbkranken, und von mir so genannten Unkranken. Ich nenne sie deshalb nicht Gesunde, weil sie nicht gesund sind. Gesunde spielen in meinem Beruf nur in so fern eine Rolle, als sie zur Vorsorge vorbeikommen, oder als Genesende Erfolg widerspiegeln, am liebsten meinen eigenen als Therapeuten.

Unkranke sind Menschen, die meinen (fühlen), sie seien krank, an denen ich jedoch auch nach näherer innerer wie äußerlicher Beschäftigung mit ihnen nichts von Krankheitswert erkennen kann. Sie mögen zwar dennoch etwas ihnen Unangenehmes, Lästiges, Abartiges (Abnormales) haben, von denen ich sie jedoch nicht befreien kann. Unkranke sind zweifach „krank“: sie fühlen sich so und lassen nicht ab, ihre Umwelt auch so zu fühlen. Unkranke belasten unser Gesundheitssystem enorm. Die Dunkelziffer ist grenzenlos.

Bei den Kranken steht nach der imperativen Frage „wie krieg ich es weg?“ sogleich die Frage „wie ist es entstanden, was hat es hervorgerufen?“. In diesem Pathogenese-Denken spielt die Frage nach Risiken, welche die Krankheit provoziert oder unterstützt haben, eine große Rolle. War der Leidende zu dick oder zu dünn, hat er sich inadäquat ernährt, hat er sich zu wenig bewegt, hat er geraucht oder getrunken, hat er zu viel oder zu wenig gearbeitet, hat er zu wenig geschlafen? Oder hatte er die falschen Gene, lebt er am falschen (ungesunden) Ort, arbeitet er im falschen (ungesunden) Beruf.

Gott sei Dank gibt es auch Menschen, die einfach so krank werden, grundlos; ohne Schuld der Gene, ohne  eigene Schuld, ohne Schuld von anderen oder anderem; die einfach so krank werden, grundlos  – gottgewollt.

Grundlos Kranke sind mir die liebsten. Sie hadern nicht, nicht mit mir, nicht mit ihren Angehörigen, nicht mit ihrer Umwelt im weiteren Sinne, nicht mit sich selbst. Grundlos Kranke denken an Gott. Sie stellen nicht all die meist unbeantwortbaren Fragen nach dem wie, warum, weshalb, wieso gerade ich? Sie suchen keinen Schuldigen.

Oft habe ich erlebt, dass sie ihr Schicksal dankbar ertragen ob des noch größeren Elends um sie herum. Grundlos Kranke beten, falls ihr Leiden sie drückt.

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Geh‘ hin, dein Glaube hat dir geholfen

Donnerstag, 16. April 2009 6:50

Ärzte finden sich täglich konfrontiert mit offensichtlicher Selbstheilung (so genannte Spontanheilung) bei Befindlichkeitsstörungen, aber auch  schwerer Erkrankung, für die zunächst kein plausibler Mechanismus im üblichen medizinischen Pathogenesedenken zu finden ist.

Unter  dem allgemein gängigen Pathogenesedenken verstehen wir das Krankheitsprinzip, dass jeglicher Krankheit eine dingliche Ursache, sei es ein Bakterienbefall, bösartiges Zellwachstum, degenerative Organveränderungen (also Abnutzungserscheinungen), sowie mechanische, genetische oder Mangeleinflüsse zugrunde liegt. So wird aus Gesundheit Krankheit. Und falls die richtige Diagnose zur richtigen Therapie führt, wird aus Krankheit wieder Gesundheit.

Diese auf Pathogenese beruhende medizinische Handlungsprinzip ist aber nur die halbe Wahrheit. Denn allein das unterschiedliche Ansprechen auf eine Medizin, der unterschiedliche Ausgang einer Operation trotz äußerlich identischen Ausgangssituationen, der sehr variable Krankheits- bzw. Gesundungsverlauf bei gleichem Krankheitsstadium und identischer Behandlung zeigt schon, dass noch viel mehr Faktoren von Bedeutung sind. So macht  man sich in den letzten Jahren immer mehr eine zweite Herangehensweise als Handlungs- (und Behandlungs-) Prinzip zunutze, das der Salutogenese.

Salutogenesedenken geht gegenüber Pathogenesedenken davon aus, dass sich der Mensch immer in einem bestimmten Stadium von Gesundheit befindet.  Er bewegt sich zu jeder Zeit auf einer Befindlichkeitsachse von „ganz wenig gesund“ (krank im alten Sinne) auf der einen Seite bis „ganz viel gesund“, also heil, auf der anderen Seite. Der Stand auf dieser Salutogenese-Achse wird von ganz vielen persönlichen, also inneren Fähigkeiten beeinflusst. Gesundheitsforscher sprechen von Koheränzfähigkeit. Hiermit meinen sie die Summe aller Entfaltungsmöglichkeiten eines Menschen in Richtung positives Denken, Annahme der jeweiligen Situation, d. h. Mut, Zuversicht und Überlebenswille – um nur einige zu nennen. Hierdurch wird Gesundbleiben oder Gesünderwerden auch zu einem Prozess, in dem natürliche Selbstheilung und Selbstordnung der eigenen Widerstandskräfte zum Zuge kommt.

Die spektakulären Erfolge der westlichen,  naturwissenschaftlich ausgerichteten Medizin haben den Blick dafür verstellt, dass auch bei widernatürlichen therapeutischen Eingriffen wie operative Entfernung oder Ausschaltung von Organteilen, Chemotherapie, oder Zerstörung durch Bestrahlung, alle Heilungen letzten Endes immer auch auf  salutogenetische Fähigkeiten des Organismus zurückzuführen sind. Hierzu gehört insbesondere die  Immunabwehr bei Infektionen oder Krebs, die Wundheilung bei Verletzungen und Eingriffen, das kompensatorische  Wachstum von Restorganen sowie die  Regulation und Adaption im komplexen Stoffwechselgeschehen.

So ist Selbstheilung nichts anderes als die optimale Mobilisierung all dieser salutogenetischen Fähigkeiten, die jedem in individuell ausgeprägter Stärke von Natur gegeben sind.

Zuversicht, Glaube und die Einsicht, dass  Krankheit keine vom Schicksal auferlegte Strafe, sondern etwas Natürliches ist, kann Gesundung und Heilung oft mehr fördern als jeder Arzt. Wahrscheinlich lassen sich solche Kohärenzfähigkeiten, zu denen insbesondere der Glaube daran zählt, dass alles in irgendeinem Sinne gut werden wird, nicht erlernen.

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Gesundheit ist mehr als die Abwesenheit von Krankheit.

Freitag, 6. März 2009 18:03

Das gängige Verständnis von Krankheit folgt dem Prinzip der Pathogenese. Hierunter verstehen wir das Krankheitsprinzip, dass jeglicher Krankheit eine dingliche Ursache, gefolgt von einem Bündel von Symptomen und so genannten Befunden, zugrunde liegt: Bakterienbefall, bösartiges Zellwachstum, degenerative Veränderungen (also Abnutzungserscheinungen), mechanische, chemische oder gar genetische Einflüsse, oder definierte Mangelerscheinungen. So wird aus Intaktheit, also Gesundheit Krankheit. Und falls die richtige Diagnose zur richtigen Therapie führt, wird aus Krankheit wieder Gesundheit.

Diese auf Pathogenese beruhende medizinische Handlungsprinzip ist aber nur die halbe Wahrheit. Denn allein das unterschiedliche Ansprechen auf eine Medizin, der unterschiedliche Ausgang einer Operation trotz äußerlich identischen Ausgangssituationen, der sehr variable Krankheits- bzw. Gesundungsverlauf bei gleichem Krankheitsstadium und identischer Behandlung zeigt schon, dass noch viel mehr Faktoren von Bedeutung sind. So macht  man sich in den letzten Jahren immer mehr eine zweite Herangehensweise als Handlungs- (und Behandlungs-) Prinzip zunutze, das der Salutogenese.

Salutogenesedenken geht gegenüber Pathogenesedenken davon aus, dass sich der Mensch immer in einem bestimmten Stadium von Gesundheit befindet.  Er bewegt sich zu jeder Zeit auf einer Befindlichkeitsachse von „ganz wenig gesund“ (krank im alten Sinne) auf der einen Seite bis „ganz viel gesund“, also heil, auf der anderen Seite. Der Stand auf dieser Salutogenese-Achse wird von ganz vielen persönlichen, also inneren Fähigkeiten, Ressourcen beeinflusst. Gesundheitsforscher sprechen von Koheränzsinn. Hiermit meinen sie die Summe aller Entfaltungsmöglichkeiten eines Menschen in Richtung positives Denken, Annahme der jeweiligen Situation, d. h. Mut, Zuversicht und Überlebenswille – um nur einige zu nennen. Durch Mobilisierung der Ressourcen wird Gesundbleiben oder Gesünderwerden auch zu einem Prozess, in dem natürliche Selbstheilung und Selbstordnung der eigenen Widerstandskräfte zum Zuge kommt. Die spektakulären Erfolge der westlichen,  naturwissenschaftlich ausgerichteten Medizin haben den Blick dafür verstellt, dass auch bei von außen angewandten therapeutischen Eingriffen wie operative Entfernungen oder Ausschaltungen von Organteilen, Chemotherapie oder Krebszerstörung durch Bestrahlung die meisten Heilungen letzten Endes immer auch auf  salutogenetische Fähigkeiten des Organismus zurückzuführen sind. Hierzu gehört insbesondere die  Immunabwehr bei Infektionen oder Krebs, die Wundheilung bei Verletzungen und Eingriffen, das kompensatorische  Wachstum von Restorganen sowie die  Regulation und Adaption im komplexen Stoffwechselgeschehen.

So ist Selbstheilung nichts anderes als die optimale Mobilisierung all dieser salutogenetischen Fähigkeiten, die jedem in individuell ausgeprägter Stärke von Natur gegeben sind. Zuversicht, Glaube und die Einsicht, dass  Krankheit keine vom Schicksal auferlegte Strafe, sondern etwas Natürliches ist, kann Gesundung und Heilung oft mehr fördern als jeder Arzt.

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