Wunscherfüllende Medizin

Samstag, 14. März 2009 19:07

Ziele der Medizin sind im medizinischen Grundverständnis verankert. Ohne die Besonderheiten der ärztlichen Grundhaltung lassen sich die Ziele in einem für die Gemeinschaft verträglichen Kontext nicht erreichen. Dabei werden die meisten Gesellschaften sich in Zukunft auf eine gesundheitsbezogene Grundversorgung beschränken müssen. Gemeint ist eine Krankheitsverhütung, welche eng verbunden ist:

  • mit einer Gesundheitsförderung durch Bildung, Erziehung und Unterweisung;
  • mit der Heilung von Krankheiten;
  • mit der Fürsorge, wenn Heilung nicht mehr möglich ist, verbunden mit Linderung von Schmerz und Erleichterung von krankheitsverursachtem Leid;
  • mit der Vermeidung eines frühzeitigen Todes und dem Streben nach würdigem Sterben.

Das medizinisches Grundverständnis, das nicht neu definierbar und damit nicht zur Disposition stehend ist, kann ins Wanken geraten, wenn Ökonomisierungszwänge zur Rationierung Anlass geben. Eine noch weiter fortschreitende Zwei- oder Mehrklassenmedizin bereitet dann den Boden für eine wunscherfüllende Medizin jenseits der medizinischer Grundversorgung.

Der traditionelle medizinsuchende Patient war krank oder fühlte sich so, und suchte  beim Arzt Linderung oder Heilung. In einigen medizinischen  Bereichen zeichnet sich nun ein neuer Ratsuchender, nämlich ein Nutzer medizinischer Leistungen als ein Klient ab. Im Internet teilgebildet braucht er medizinisches Wissen und Können nicht mehr dazu, um aus seinem Leiden das normale Elend zu machen. Vielmehr benötigt er ärztliche Expertise und industrielle Ware, um seine eigene körperliche Verfassung mit seiner gewünschten Lebensführung zur Deckung zu bringen. Er braucht den Leibarzt neuer Prägung und zahlt dafür. Schlagwörter in diesem Zusammenhang sind:

  • Vitaloptimierung,
  • Sexualoptimierung (Viagra etc.),
  • Schönheitschirurgie (z. B. Sissi-Krankheit),
  • Anti-Aging (Jugendwahn),
  • Lebensplanung (Reproduktionsoptimierung inklusiv vorgeburtliche Merkmalsfestlegung),
  • Alternativmedizin (Wellness statt Heilen)
  • und andere mehr.

Das ärztliche Grundverständnis gerät ins Wanken.

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Gesundheit ist mehr als die Abwesenheit von Krankheit.

Freitag, 6. März 2009 18:03

Das gängige Verständnis von Krankheit folgt dem Prinzip der Pathogenese. Hierunter verstehen wir das Krankheitsprinzip, dass jeglicher Krankheit eine dingliche Ursache, gefolgt von einem Bündel von Symptomen und so genannten Befunden, zugrunde liegt: Bakterienbefall, bösartiges Zellwachstum, degenerative Veränderungen (also Abnutzungserscheinungen), mechanische, chemische oder gar genetische Einflüsse, oder definierte Mangelerscheinungen. So wird aus Intaktheit, also Gesundheit Krankheit. Und falls die richtige Diagnose zur richtigen Therapie führt, wird aus Krankheit wieder Gesundheit.

Diese auf Pathogenese beruhende medizinische Handlungsprinzip ist aber nur die halbe Wahrheit. Denn allein das unterschiedliche Ansprechen auf eine Medizin, der unterschiedliche Ausgang einer Operation trotz äußerlich identischen Ausgangssituationen, der sehr variable Krankheits- bzw. Gesundungsverlauf bei gleichem Krankheitsstadium und identischer Behandlung zeigt schon, dass noch viel mehr Faktoren von Bedeutung sind. So macht  man sich in den letzten Jahren immer mehr eine zweite Herangehensweise als Handlungs- (und Behandlungs-) Prinzip zunutze, das der Salutogenese.

Salutogenesedenken geht gegenüber Pathogenesedenken davon aus, dass sich der Mensch immer in einem bestimmten Stadium von Gesundheit befindet.  Er bewegt sich zu jeder Zeit auf einer Befindlichkeitsachse von „ganz wenig gesund“ (krank im alten Sinne) auf der einen Seite bis „ganz viel gesund“, also heil, auf der anderen Seite. Der Stand auf dieser Salutogenese-Achse wird von ganz vielen persönlichen, also inneren Fähigkeiten, Ressourcen beeinflusst. Gesundheitsforscher sprechen von Koheränzsinn. Hiermit meinen sie die Summe aller Entfaltungsmöglichkeiten eines Menschen in Richtung positives Denken, Annahme der jeweiligen Situation, d. h. Mut, Zuversicht und Überlebenswille – um nur einige zu nennen. Durch Mobilisierung der Ressourcen wird Gesundbleiben oder Gesünderwerden auch zu einem Prozess, in dem natürliche Selbstheilung und Selbstordnung der eigenen Widerstandskräfte zum Zuge kommt. Die spektakulären Erfolge der westlichen,  naturwissenschaftlich ausgerichteten Medizin haben den Blick dafür verstellt, dass auch bei von außen angewandten therapeutischen Eingriffen wie operative Entfernungen oder Ausschaltungen von Organteilen, Chemotherapie oder Krebszerstörung durch Bestrahlung die meisten Heilungen letzten Endes immer auch auf  salutogenetische Fähigkeiten des Organismus zurückzuführen sind. Hierzu gehört insbesondere die  Immunabwehr bei Infektionen oder Krebs, die Wundheilung bei Verletzungen und Eingriffen, das kompensatorische  Wachstum von Restorganen sowie die  Regulation und Adaption im komplexen Stoffwechselgeschehen.

So ist Selbstheilung nichts anderes als die optimale Mobilisierung all dieser salutogenetischen Fähigkeiten, die jedem in individuell ausgeprägter Stärke von Natur gegeben sind. Zuversicht, Glaube und die Einsicht, dass  Krankheit keine vom Schicksal auferlegte Strafe, sondern etwas Natürliches ist, kann Gesundung und Heilung oft mehr fördern als jeder Arzt.

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Glück kommt selten zu spät und nie allein

Montag, 2. März 2009 14:23

Glücklichsein und Älterwerden

Das sind keine Begriffe, die sich ausschließen – ganz im Gegenteil.
“Aber es gibt kein unbedingtes und ungetrübtes Glück, das länger als fünf Minuten dauert”, war Theodor Fontanes Auffassung. Demnach verliert ein langes Glück allein schon durch seine Dauer. Und wer mit Menschen über Glück spricht, der weiß: Viele, die glauben, sie seien glücklich, sind einfach nur beschäftigt. Mit Glück in der Zusammenschau von erfolgreichem Älterwerden ist nicht das Glück im Sinne von “Glück gehabt” gemeint, sondern das Empfinden von “Glücklichsein”. Vor 2300 Jahren kam der griechische Philosoph Aristoteles zu dem Schluss, dass der Mensch vor allem Glück sucht. Schönheit, Besitz, Macht und Gesundheit werden deshalb angestrebt, weil erwartet wird, dass sie glücklich machen. Aber was macht dieses Glücklichsein aus? Geschieht Glück? Ist Glück Schicksal? Können wir Glück, wenn wir es schon nicht kaufen können, auf andere Weise aktiv erlangen? Ist die Fähigkeit, glücklich zu werden, etwa angeboren? Und welche Umstände und Dinge erzeugen welche Intensität von Glück? Glücksforscher haben 2003 festgestellt, dass die lange als selbstverständlich verstandenen Quellen des Glücks einem Wandel unterzogen sind: Geld wirkt erstaunlich schwach auf das Glücklichsein, mehr dagegen erfolgreiche Arbeit. Gesundheit und ein langes unversehrtes Leben erzeugen ein großes Gefühl von Glück. Eine gut getroffene Partnerwahl ist Glücksfaktor Nummer eins. Erstaunlich wenig bewirken in dieser Hinsicht Kinder, abgesehen von einem kurzen Glücksschub nach ihrer Geburt.

Leben ist nicht Glücksache sondern Glücksuche. Sicher hatte auch nach heutigem Stand der Wissenschaft J.W. v. Goethe schon damals Recht als er dichtete: “Willst Du immer weiter schweifen? Sieh, das Gute liegt so nah! Lerne nur das Glück ergreifen. Denn das Glück ist immer da!”
Glücksuche ist nicht mit dem fortwährenden Glücksstreben zu verwechseln. Glücksuche ist sich klar werden, wo unsere das Glück unterstützenden Fähigkeiten liegen. Denn Voraussetzung für Glück ist unser Bewusstsein, dass wir glücklich, dass wir zufrieden sind. Die meisten angenehmen Dinge, die uns glücklich machen könnten, wissen wir ohne die Geisteshaltung der Achtsamkeit kaum zu schätzen. Erst wenn wir beginnen, die Dinge in Ehren zu halten, sie zu verteidigen, aktiv an und mit ihnen zu arbeiten um sie dann zu genießen, empfinden wir durch sie Glück und Lebensqualität.

Dazu passen die Empfehlungen von Hermann Hesse in seinem Gedicht Glück:

Solang du nach dem Glücke jagst,
Bist du nicht reif zum Glücklichsein,
Und wäre alles Liebste dein.

Solang du um Verlornes klagst
Und Ziele hast und rastlos bist,
Weißt du noch nicht, was Friede ist.

Erst wenn du jedem Wunsch entsagst,
Nicht Ziel mehr noch Begehren kennst,
Das Glück nicht mehr mit Namen nennst,

Dann reicht dir des Geschehens Flut
Nicht mehr ans Herz, und deine Seele ruht.

Der Dalai Lama sagt in seinem wunderbaren Buch der Menschlichkeit, dass jede bewusste Handlung und in gewisser Weise sogar unser ganzes Leben, das wir uns unter den gegebenen Beschränkungen einrichten, sich als Antwort auf die große Frage auffassen lässt, wie wir glücklich werden können. So lautet ein altes tibetisches Sprichwort: “Morgen oder im nächsten Leben“. Wir können nie sicher sein, was zuerst kommt. Hoffnung auf glückliches Weiterleben bestimmt unser Handeln. Das Streben nach Glück ist in der amerikanischen Verfassung sogar ein verbrieftes Recht und in manchen Gesellschaften liebster Zeitvertreib. In unserer Nationalhymne wird Einigkeit und Recht und Freiheit als des Glückes Unterpfand gepriesen. Glück scheint also ein variables Gut.

Glückwünsche zu allen möglichen Anlässen sind eine Selbstverständlichkeit. Stellt sich die Frage, ob der Wunsch ausreicht oder vielleicht sogar überflüssig ist. Ob Glück nicht sogar eine angeborene Fähigkeit ist? Denn ganz vieles, was wir sind und was wir tun, hat genetische Wurzeln. Einige Gene sind die naturgegebenen Ausgangsstoffe, aus denen unser Glück und Wohlbefinden quasi biochemisch aufgebaut wird. Es sind chemisch definierte hormonähnliche Botenstoffe aus dem Gehirn, die Wohlbefinden, gute Laune, Zufriedenheit, geringes Schmerzempfinden und Euphorie erzeugen. Die Hirnforschung kennt in der Nähe der Großhirnrinde Gegenden, die in besonderem Maße für die Verarbeitung von positiven und negativen Gefühlen zuständig sind.

In vielen Fällen sind erst Unzufriedenheit mit der bestehenden Lebenssituation, Krankheit oder ein anderer Schicksalsschlag “notwendig”, damit sich der Mensch seines eigentlichen Glücks, seines privilegierten Daseins besinnt. Denn wer die sinnlichen Genüsse zum Mittelpunkt seines Strebens macht, erlebt die Leere, die eintritt, wenn der äußerliche, lustspendende Reiz aufhört.

So gesehen ist das Erlangen der Fähigkeit, sich glücklich zu fühlen, auch eine wirksame Strategie gegen das Älterwerden.

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