Geh’ hin, dein Glaube hat dir geholfen

Donnerstag, 16. April 2009 6:50

Ärzte finden sich täglich konfrontiert mit offensichtlicher Selbstheilung (so genannte Spontanheilung) bei Befindlichkeitsstörungen, aber auch  schwerer Erkrankung, für die zunächst kein plausibler Mechanismus im üblichen medizinischen Pathogenesedenken zu finden ist.

Unter  dem allgemein gängigen Pathogenesedenken verstehen wir das Krankheitsprinzip, dass jeglicher Krankheit eine dingliche Ursache, sei es ein Bakterienbefall, bösartiges Zellwachstum, degenerative Organveränderungen (also Abnutzungserscheinungen), sowie mechanische, genetische oder Mangeleinflüsse zugrunde liegt. So wird aus Gesundheit Krankheit. Und falls die richtige Diagnose zur richtigen Therapie führt, wird aus Krankheit wieder Gesundheit.

Diese auf Pathogenese beruhende medizinische Handlungsprinzip ist aber nur die halbe Wahrheit. Denn allein das unterschiedliche Ansprechen auf eine Medizin, der unterschiedliche Ausgang einer Operation trotz äußerlich identischen Ausgangssituationen, der sehr variable Krankheits- bzw. Gesundungsverlauf bei gleichem Krankheitsstadium und identischer Behandlung zeigt schon, dass noch viel mehr Faktoren von Bedeutung sind. So macht  man sich in den letzten Jahren immer mehr eine zweite Herangehensweise als Handlungs- (und Behandlungs-) Prinzip zunutze, das der Salutogenese.

Salutogenesedenken geht gegenüber Pathogenesedenken davon aus, dass sich der Mensch immer in einem bestimmten Stadium von Gesundheit befindet.  Er bewegt sich zu jeder Zeit auf einer Befindlichkeitsachse von „ganz wenig gesund” (krank im alten Sinne) auf der einen Seite bis „ganz viel gesund”, also heil, auf der anderen Seite. Der Stand auf dieser Salutogenese-Achse wird von ganz vielen persönlichen, also inneren Fähigkeiten beeinflusst. Gesundheitsforscher sprechen von Koheränzfähigkeit. Hiermit meinen sie die Summe aller Entfaltungsmöglichkeiten eines Menschen in Richtung positives Denken, Annahme der jeweiligen Situation, d. h. Mut, Zuversicht und Überlebenswille – um nur einige zu nennen. Hierdurch wird Gesundbleiben oder Gesünderwerden auch zu einem Prozess, in dem natürliche Selbstheilung und Selbstordnung der eigenen Widerstandskräfte zum Zuge kommt.

Die spektakulären Erfolge der westlichen,  naturwissenschaftlich ausgerichteten Medizin haben den Blick dafür verstellt, dass auch bei widernatürlichen therapeutischen Eingriffen wie operative Entfernung oder Ausschaltung von Organteilen, Chemotherapie, oder Zerstörung durch Bestrahlung, alle Heilungen letzten Endes immer auch auf  salutogenetische Fähigkeiten des Organismus zurückzuführen sind. Hierzu gehört insbesondere die  Immunabwehr bei Infektionen oder Krebs, die Wundheilung bei Verletzungen und Eingriffen, das kompensatorische  Wachstum von Restorganen sowie die  Regulation und Adaption im komplexen Stoffwechselgeschehen.

So ist Selbstheilung nichts anderes als die optimale Mobilisierung all dieser salutogenetischen Fähigkeiten, die jedem in individuell ausgeprägter Stärke von Natur gegeben sind.

Zuversicht, Glaube und die Einsicht, dass  Krankheit keine vom Schicksal auferlegte Strafe, sondern etwas Natürliches ist, kann Gesundung und Heilung oft mehr fördern als jeder Arzt. Wahrscheinlich lassen sich solche Kohärenzfähigkeiten, zu denen insbesondere der Glaube daran zählt, dass alles in irgendeinem Sinne gut werden wird, nicht erlernen.

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Krankheitsangst und Gesundheitsgier

Sonntag, 5. April 2009 10:19

Wer die Schuld an der Vielzahl der Arztbesuche, der Vielzahl der eingeforderten Rezepte und der Vielzahl der in Erwartung gebrachten Untersuchungen nur den gesundheitsgierigen Versicherten und den geldgierigen Leistungsanbietern  anlastet, der vergisst den Hauptsschuldigen. Er ist unsere auf Bildung, Wachstum und Wohlergehen, also Zivilisation getrimmte moderne Gesellschaft.

Die heutige Gesundheits- und Jungbleibgesellschaft als Überbau vermittelt: geh früh zum Arzt, versäume keine Vorsorgeuntersuchung, nimm jedes noch so flüchtige Symptom wahr, traue dem Arzt mehr als deiner Selbstheilung, kontrolliere stets deinen Lebenswandel, suche in Apotheken, Gesundheitszentren, Fitness- und Wellnesseinrichtungen und anderen Heil- und Vorbeugeeinrichtungen und in der Vielzahl der Health-Medien immer nach allem, was dir und deiner Gesundheit gut tun könnte.

Dem steht gegenüber: Der Arzt, der, statt Diagnostik im Rundumschlag zu verordnen, sich auf die symptombezogene Untersuchung beschränkt (und dann zwangsläufig symptomlos gebliebene, also sehr frühe Krankheiten nicht erkennen kann); der den Mut hat zu sagen, sie haben nichts, was sie befürchten, ist keine Krankheit sondern eine Befindlichkeitsstörung; der nicht stets den Zwang verspürt, auf Nummer sicher zu gehen und zu noch exakterer Diagnostik zu überweisen; der restriktiv mit Medikamentenverordnungen umgeht und auch einmal erklärt, dass Beschwerden von selbst weggehen; dem reden und Erklären mehr liegt als ständiges Agieren.

Gesundheitsgier ist unersättlich. Immer noch etwas gesünder werden, mehr Wohlergehen, mehr Funktion statt Verschleiß – Gesundheit, das höchste Gut? Deshalb ficht die Finanzkrise den großen Gesundheitsmarkt bisher weit weniger an als alle anderen Branchen. Die Gesundheitsbranche als Konjunkturmotor? Sicher nicht, denn die Medizin zweiter Klasse kann die Investitionen für das Immermehr nicht aufbringen. Und die Ersterklasse-Medizin will unter sich bleiben – nicht nur im Wartezimmer.

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Praevenire, einer Krankheit zuvorkommen

Sonntag, 29. März 2009 10:02

Prävention muss Spaß machen

Primäre Krankheitsprävention zielt auf Verhindern oder zumindest Hinauszögern und Abmildern von Gesundheitsstörungen. Bei Krankheiten mit bekannt hohem externen Risiko (z.B. Lungenkrebs und Rauchen) gelingt das mit persönlichem Einsatz sehr gut. Selbst bei Krankheiten mit genetischer Belastung (Veranlagung) gelingt Prävention, wenn auch der individuelle Aufwand  beträchtlich sein kann (z. B. bei der Zuckerkrankheit  die Gewichtsreduktion und das Körpertraining). Bei Erbkrankheiten ist eine primäre Prävention unwirksam, da der ultimative Ausbruch der Krankheit im Erbmaterial vorgegeben ist (z. B. Bluterkrankheit).

Primäre Prävention beinhaltet aber auch zwei Dinge, die sich bei den meisten Präventionswilligen sinnvoll ergänzen sollten. Das ist zum einen der vernünftige Umgang mit den Ressourcen des Körpers. In vielerlei Hinsicht gilt – was reinkommt bestimmt, was raus kommt. Das beinhaltet Energie- und Aufbaustoffe wie auch Gifte, sowie mentale Energien. Input und Output bestimmen, ob ein gesundes Gleichgewicht zu erreichen ist.

Andererseits ist primäre Prävention auch Verhaltensmedizin. Hierunter ist die eigenverantwortliche Korrektur riskanter Verhaltensmuster zu verstehen. Prävention muss Spaß machen. Am erfolgreichsten erscheint es, wenn der vernünftige Umgang mit sich selbst zu einem Selbstläufer wird, in Fleisch und Blut übergegangen ist.

Am meisten Freude bereitet es, wenn Prävention zu einem darstellbaren, vielleicht sogar messbaren Gesundheitsergebnis führt. Das kann gewonnene Fitness nach Gewichtsreduktion sein. In den allermeisten Fällen sind es jedoch Langzeiteffekte, die oft erst nach Jahren den eingeschlagenen Weg der Prävention als richtig und erfolgreich ausweisen. Das Abgewöhnen von Rauchen, die Minderung der UV- Bestrahlung, das Umstellung der Ernährung auf hochwertige Produkte und Zusammensetzungen sind alles wertvolle Präventivmaßnahmen, deren Effekt erst nach längerer Zeit zu erwarten ist. Daher muss man an Prävention in gewisser Hinsicht auch glauben. Man muss den Statistiken vertrauen, die Gesundheitspflege, Krankheitsvorbeugung und die Verhinderung einer Erkrankung, was auf das selbe herauskommt, als effektiv ausweisen. Man muss akzeptieren, dass Prävention messbare positive Resultate haben wird und damit etwas Gutes, etwas Erstrebenswertes ist.

Trübsinnige Prävention bleibt eher wirkungslos. Steht ein ständiges du musst dahinter, und wird Krankheitsverhinderung verkrampft betrieben, so macht sie Stress und per se krank. Wer vor lauter Pillen, Säften, Maßregeln und Gesundheitstabellen die Vernunft, den gesunden Menschenverstand außer Acht lässt, der wird am Ende wenig gewonnen haben. Er verliert die Lust zum Leben und wird nur noch geleitet vom Drang zu leben.

Ein Bonmot zu guter Letzt: Wer vor lauter Prävention tatsächlich gesund sterben sollte, der ist am Ende doch mausetot.

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